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Anke Haarmann

 

 

Das Forschungsprojekt

 

Zur Praxis, Methode und Herkunft künstlerischen Forschens

 

 

 

 

 

Fragestellung und Arbeitsthese

 

 

 

Bevor ich über das künstlerische Forschen nachzudenken begann, war meine ursprüngliche Absicht, zu untersuchen, wie wir unter dem Einfluss der gegenwärtigen medialen Bilderwelt unser Selbst konstruieren. Ich musste jedoch feststellen, dass künstlerische Arbeiten, mehr als die Bildphilosophie, die Medientheorie oder die Kulturwissenschaft, wegweisende Antworten auf diese Frage anzubieten schienen, wenn auch auf ihre eigene, ikonische Weise. Waren also die visuellen Künste ebenso gut geeignet, Fragen an die visuelle Kultur zu bearbeiten? Forschen die visuellen Künste am pictural environment der Gegenwart? Trägt künstlerische Wissensproduktion zum kulturellen Verstehen von Welt und Selbst bei? Mit dieser Irritation öffnete sich für die Theorie ein ganz neues Feld an Problemen: Kann die künstlerische Untersuchung der visuellen Kultur als künstlerische Forschung verstanden werden? Was wäre dann überhaupt "künstlerisches Forschen"? Wie operiert es? Sollten künstlerische Tätigkeit ernsthaft mit dem Begriff der Forschung oder Wissensproduktion in Verbindung gebracht werden? Ohne es geplant zu haben, war ich in einem alten Interessengebiet gelandet: der kritischen Epistemologie. Sehr schnell wurde auch klar, dass der Begriff der künstlerischen Forschung theoriepolitisch heikel und strittig ist. Ein Modewort, das Vereinnahmungen ebenso provoziert wie Zurückweisungen. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Praxis, der Methode und der Herkunft des "künstlerischen Forschens" wurde unausweichlich.

Wie aber stehen meine theoretischen Untersuchungen über das künstlerische Forschen im Verhältnis zu diesem? Benötigt die künstlerische Forschung ein theoretisches Rahmenwerk außerhalb ihrer selbst um Forschung zu sein? Mir geht es zunehmend auch darum, zu zeigen, dass Kunst, um Forschung zu sein, gerade aus ihren eigenen künstlerischen Artikulationsmethoden heraus Reflexionsformen entwickeln kann, die es ihr ermöglichen, ihre Inhalte zu kommunizieren. Sie bedarf für ihre Reflexion und Kommunikation nicht der begrifflichen Philosophie. Ich mö deutlich machen, dass Kunst für die Wissensproduktion keine Bevormundung durch die Theorie braucht, sondern einer eigenen methodischen Stringenz oder Konsequenz bedarf, die ihre spezifische Form des Forschens ermöglicht. Das Verständnis der Spezifik der künstlerischen Forschungsarbeit (ihrer Methodik) wird methodologische Überlegungen erforderlich machen. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Methodik, kann forschende Kunst dann aber durchaus von einer Philosophie profitieren, die über die Grundlagen einer kritischen Epistemologie des Forschens nachdenkt. Aus der Perspektive einer solchen kritischen Epistemologie der künstlerischen Forschung - des "Kunstens" als eines Forschens - habe ich begonnen über die visuellen Künste und ihre Praktiken nachzudenken.

Mein Buch wird kein Beitrag zu einer allgemeinen Theorie der künstlerischen Forschung in allen Künsten sein. Die Debatten über "künstlerische Forschung" tendieren mitunter dazu, grundverschiedene Künste zusammenzuwerfen und die philosophische Ästhetik tut dies ohnehin leider allzu häufig. Um diesen Fehler zu vermeiden, geht es mir ausschließlich um Forschung in bildproduzierenden und szenischen Künsten. Allerdings werde ich, und hier knüpft das Nachdenken in der Sache des künstlerischen Forschens an meine eingangs erwähnte ursprüngliche Fragestellung an, die These vertreten, dass angesichts der umfassenden visuellen Kultur, in der wir inzwischen leben, gerade die visuellen Künste geeignet sind, durch ihre Bildlichkeit sowie durch die Objekthaftigkeit und die Performativität ihrer Artikulationen, zum Verstehen unserer Kultur und unserer Selbst forschend beizutragen.